Genossenschafter*innen vor Ort

Die Aktionen gegen die Politik des BBU und der Genossenschaftsvorstände haben 2019 zu vielen neuen Kontakten zwischen Genossenschafter*innen geführt. Schnell entstand der Wunsch, neben der “großen” Vernetzung durch den Initiativkreis auch eine Möglichkeit zum konkreten Austausch über Probleme, Konflikte und Erfolge in der Auseinandersetzung um die Demokratisierung verkrusteter Strukturen in den Genossenschaften zu organisieren. So kam es zu der Idee, sich jeweils bei einer anderen Genossenschaft zu treffen und die jeweilige Situation vor Ort kennen zu lernen. Im Laufe der Zeit „wandern“ die Teilnehmenden so durch die Berliner Genossenschaftslandschaft.

Bisher gab es zwei solcher „Wandertags-Treffen“ – eins in einer „Altgenossenschaft“ in Neukölln und eins in einer „jungen Genossenschaft“ in Kreuzberg. Die einladenden Genossenschafter*innen suchen einen geeigneten Raum (auf dem Genossenschaftsgelände, in einem Nachbarschaftsraum oder einer naheliegenden Kneipe) und schlagen ein Schwerpunktthema vor, das möglichst viel Anregung zum Erfahrungsaustausch und zur Diskussion unterschiedlicher Handlungsmöglichkeiten bietet.

Ein Beispiel: In vielen Altgenossenschaften wird von eingefahrenen Strukturen, einsamen Vorstands- und Aufsichtsratsentscheidungen und einer passiven Bewohnerschaft berichtet. Aktive Mitglieder spüren Gegenwind, werden gemobbt (oder noch schlimmer…), sobald sie eine Entscheidung kritisieren oder Veränderungen anregen. Es gibt aber auch gegenläufige Prozesse, häufig angestoßen durch neu eingezogene, politisch interessierte, junge Leute. So ist es in einer Neuköllner Genossenschaft im vergangenen Jahr gelungen, die geplante Verschärfung der Satzung zu verhindern. Und wie? „Indem wir von Tür zu Tür gegangen sind, auf dem Hof die Leute angesprochen und zu einem Picknick eingeladen haben!” Auf der Mitgliederversammlung stimmte dann eine Mehrheit gegen die Satzungsänderung, mit der Kritiker*innen leichter hätten mundtot gemacht werden können. Warum ist es in Neukölln gelungen und in anderen Genossenschaften nicht? Was ist übertragbar, welche konkreten Schritte zur Demokratisierung der Genossenschaften sind erfolgversprechend?

Nach den bisherigen Erfahrungen hat sich herausgestellt, dass diese Treffen einen geschützten Raum bieten sollen, um einen offenen Austausch über die jeweiligen Problemlagen zu ermöglichen. So wird ein praktischer Lernprozess in Gang gesetzt, den die Beteiligten in ihre weiteren Aktivitäten einfließen lassen können.

Der nächste „Wandertag“ findet im Herbst statt.
Bei Interesse bitte eine Mail an postfach.i@posteo.de

Ein Gedanke zu “Genossenschafter*innen vor Ort

  1. Wir brauchen eine Änderung des Genossenschaftsgesetz!

    Liebe Irmgard

    ich stimme Dir in vielerlei Hinsicht zu und auch in meiner Genossenschaft ziehen junge politisch interessierte Menschen zu, die mehr Mitbestimmung wollen. Sicherlich ist es ein beachtlicher Erfolg Satzungsänderungen zu verhindern, die den ohnehin schon geringen Handlungsspielraum von Nutzerinnen und Nutzern noch mehr einschränken, aber…

    Wir haben hier ein strukturelles Problem, und zwar in Form des Genossenschaftsgesetz, welches Vorständen zuviel Macht einräumt, deshalb braucht es meiner Ansicht nach eine Ressourcenbündelung unserer neuen Bewegung, die sich darauf fokussiert dieses Gesetz zu verändern. Die Arbeitnehmer-Mitbestimmung in großen deutschen Unternehmen wurde auch erst durch ein Gesetz erreicht und auch gäbe es noch reichlich Reformbedarf.

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