Alternativer Genossenschaftstag: Zwei Tage Diskussion über die Zukunft der Wohnungsgenossenschaften

Mit einer Podiumsveranstaltung in der Rosa-Luxemburg-Stiftung startete am Freitag, 2.9., der Alternative Genossenschaftstag 2022 (Programm hier). Es diskutierten, moderiert von Ralf Hoffrogge von den GENOSSENSCHAFTER*INNEN, Juliane Lang, Aufsichtsrätin in einer traditionellen und einer neuen Genossenschaft,  Jan Kuhnert, Vorstandsvorsitzender des Bundesvereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens  und der Stadtsoziologe Andrej Holm. Der folgende Bericht ist dem nd vom 5.9. entnommen. (Danke für die Abdruckgenehmigung).

Buffets statt Mitbestimmung.
Die Berliner Genossenschaften sollen größeren Beitrag zur sozialen Wohnraumversorgung leisten

Von Yannic Walther

Es gibt nicht die einen Genossenschaften. Unter dieser Rechtsform versammelt sich eine Bandbreite an kleinen, großen, jungen und alten, mehr oder weniger gemeinwohlorientierten Beispielen. Dennoch: Der soziale Beitrag, den Genossenschaften gegenwärtig zur sozialen Wohnraumversorgung leisten, könnte deutlich größer sein, ist man sich beim alternativen Genossenschaftstag einig. »Viele Genossenschaften sind Kinder der Not, heute sind sie saturiert und lassen die Not ein bisschen an sich vorbeiziehen«, erklärt Jan Kuhnert, Vorstandsvorsitzender des Bundesvereins zur Förderung des Genossenschaftsgedankens, am Freitag bei einer Podiumsdiskussion im Gebäude der Rosa-Luxemburg-Stiftung am Ostbahnhof.

Das Problem liegt dabei nicht im Bestand.
Circa 190 000 Genossenschaftswohnungen gibt es derzeit in Berlin, damit stellen sie über elf Prozent des Wohnungsbestandes in der Hauptstadt. In ihren Beständen liegen die Mieten im Schnitt sowohl unter denen privatwirtschaftlicher als auch landeseigener Wohnungsunternehmen. Dadurch, dass sie größtenteils auf Mieterhöhungen verzichten, sorgen sie für Stabilität auf dem Berliner Wohnungsmarkt und dämpfen den Anstieg der ortsüblichen Vergleichsmiete.

Doch beim Neubau bezahlbarer Wohnungen könnten Genossenschaften einen größeren Beitrag leisten, meint der Stadtsoziologe Andrej Holm. Die Neubaumieten liegen auch bei Genossenschaften in der Regel über zehn Euro je Quadratmeter. Diese werden projektbezogen kalkuliert. Dabei könnten die Überschüsse, die sich vor allem in den altgedienten Genossenschaften über viele Jahre angehäuft haben, genutzt werden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, findet Holm.

Dem entgegen stehen die auch am Freitag viel besprochenen »Spardoseneffekte«: Man kümmert sich vor allem um die Interessen der bestehenden Genossenschaftsmitglieder. Das gilt für den zögerlichen Neubau, von denen die Mitglieder im Bestand erst einmal wenig haben. Ebenso gilt es für die Vergabe frei werdender Wohnungen vor allem an Verwandte und nach dem Kriterium, wer am längsten auf der Warteliste steht. Alternativ denkbar wäre hier eine Sozialquote für jene Haushalte, die sich am privaten Markt nicht mit angemessenem Wohnraum versorgen können, hieß es am Freitag.

Das Problem sei aber auch, dass die Vorstände von Genossenschaften, die teils aus der privaten Wohnungswirtschaft kommen, diese mitunter als normale Wohnungsunternehmen am Markt verstehen. Zwar könne man die Vorstände nicht ganz aus ihrer verantwortlichen Rolle entlassen, wenn am Ende die Zahlen stimmen müssen, meint Jan Kuhnert. Doch unter anderem bei der Frage, nach welchen Regeln wer eine Genossenschaftswohnung bekommt, sollten die Genossenschaftsmitglieder basisdemokratischer entscheiden können, so Kuhnert. Bisher ist die demokratische Realität oft vom Abnicken auf der jährlichen Versammlung geprägt. »Buffets ersetzen die Mitbestimmung«, beschreibt es Ralf Hoffrogge von der Initiative Genossenschafter*innen.

Ein Gründungsimpuls der Initiative, die sich vorgenommen hat, Genossenschaften untereinander und diese mit den stadtpolitischen Bewegungen zu vernetzen, war auch die ablehnende Haltung, die einige Genossenschaften gegenüber dem Berliner Mietendeckel einnahmen. Vier klagten sogar dagegen. Ebenso beteiligten sich Genossenschaften an einer Kampagne gegen das Volksbegehren Deutsche Wohnen und Co enteignen und warben bei ihren Mitgliedern für ein Nein zum Volksentscheid. Auch in der Debatte um die Wiedereinführung der Wohngemeinnützigkeit nehmen Genossenschaften bisher eine kritische Haltung ein.

»Was stadtpolitisch diskutiert wird, kommt in den alten Strukturen nicht an«, sagte Juliane Lang, Aufsichtsrätin bei der Treptower Park eG sowie der Eine für Alle eG, die als junge Dachgenossenschaft bezahlbare Gewerberäume sichern will. Dennoch ändere sich gerade vor allem bei der Zusammensetzung der Mitglieder etwas, während die Strukturen noch sehr starr bleiben würden, erzählt sie.

»Eine Strukturveränderung von innen reicht nicht aus, es müssen sich auch die wohnungspolitischen Rahmenbedingungen verändern«, meint Andrej Holm. Er hofft darauf, dass sich Genossenschaften wieder stärker als politische Akteure verstehen und selbst formulieren, wie beispielsweise Förderprogramme aussehen müssten, die von ihnen auch in Anspruch genommen werden.

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Ein Gedanke zu “Alternativer Genossenschaftstag: Zwei Tage Diskussion über die Zukunft der Wohnungsgenossenschaften

  1. Moin,

    nach Lesen des Tagungsberichtes habe ich den Eindruck, dass vor Ort das Interesse am Genossenschaftsgedanken nicht sehr ausgeprägt ist. Erstaunlich bei Eurem Namen und auch bei Herrn Kuhnert, der einem Verein vorsteht zur Förderung des Genossenschaftsgedankens. Die Genossenschaftsidee wird im Bericht eher vage gehalten, es wird sinngemäß geschrieben es gäbe viele Interpretationsmöglichkeiten. Damit wird das Einende ignoriert. So hat man keine gemeinsame Grundlage. Bezüge zur Genossenschaftswissenschaft, die diese Grundlagen über viele Jahrzehnte des Forschens noch nicht vollständig aber doch schon weitgehend herausgearbeitet hat und Aussagen der genossenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre konnte ich nicht entdecken. Auch Beispiele gelungener Praxis, auch der politischen, aus der Schweiz, zum Beispiel in Zürich, wurden nicht erwähnt. Wohnungsgenossenschaften sind, wenn sie nachhaltig betrieben werden sollen, wirtschaftlich zum Zweck der Förderung ihrer Mitglieder zu betreiben. Will man dies nicht, sollte man Stiftungsunternehmen betreiben, die sich für die Allgemeinheit engagieren oder kommunale Wohnungsunternehmen fordern. Hat man Angst Mitglieder von Genossenschaften seien egoistisch, wenn sie denn sich partizipativ in die Festlegung der Unternehmenspolitik einbringen würden? Es ist sicher richtig zu kristisieren, dass viele große Wohnungsgenossenschaften eher wie gewinnorientierte Unternehmen operieren, aber das eine zu kritisieren heist nicht automatisch dass die eigenen Lösungsvorstellungen schon alles sind. Ich rate positiv, konstruktiv, ergebnis- und menschenoffen, partizipativ und prozessorientiert sich einzubringen und dabei sowohl wirtschaftliche Erkenntnissse und Zusammenhänge als auch die Idee und das Potential von Genossenschaften als besonderer Unternehmensform bei der Gestaltung von Lösungen einzubeziehen, nicht zuletzt im Hinblick auf die Klimakrise und sparsamen Umgang mit Ressourcen. Und ich rate sich des persönlichen Menschenbildes bewusst zu werden. Denke ich in Freund-Feind-Schemata oder traue ich jedem zu am Guten mitzuwirken? Mutmachend ist hier das empirisch gut belegte Buch des nierderländischen Historikers Rutger Bregmann “Im Grunde gut”. Es macht Mut, wieder das Gute im Anderen wahrzunehmen und aufeinander zuzugehen.

    kooperative Grüße aus Hamburg

    Frank Giebel
    http://liberalundkooperativ.blogspot.com/

    Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative. Karl Popper.

    Wenn Deine Aufmerksamkeit auf das Ergebnis fokussiert ist, bist Du nicht mehr im Prozesss. Aber wenn Du im Prozess bist, wird sich das Ergebnis sicher einstellen. Deepak Chopra

    Not everything that is faced can be changed; but nothing can be changed until it is faced. James Baldwin

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