Charlotte erinnert an die Gleichschaltung 1933

In den Chroniken vieler Traditionsgenossenschaften klafft eine auffällige Lücke: die Jahre 1933 bis 1945. Die weitgehend widerstandslose Gleichschaltung der Genossenschaften und ihrer Verbände blieb lange im Dunkeln, wissenschaftliche Aufarbeitung ist selten (vgl. Bernett). Eine bemerkenswerte Ausnahme macht seit Kurzem die Charlottenburger Baugenossenschaft („Charlotte“): In ihrem Mitgliedermagazin stellt sie das Schicksal der jüdischen Familie Smedesmann offen dar und hält fest: „Auch Genossenschaften sind nicht immun gegen menschenverachtende Ideologien.“

Ausgangspunkt war die Recherche der Bewohnerin Rachel Soost, die an einem Buch über ihre Familiengeschichte arbeitete. Hildegard und Robin Smedesmann lebten in der Riehlstraße 6a, einem Gebäude der Charlottenburger Baugenossenschaft – bis das Klima dort unerträglich wurde und sie 1938 zur Flucht gezwungen waren. Die Gleichschaltung der 1907 gegründeten Genossenschaft begann früh: Bereits im April 1933 hatte die Charlotte als eines der ersten gemeinnützigen Wohnungsunternehmen auf einer außerordentlichen Vertreterversammlung (und unter dem „Saalschutz“ der SA) beschlossen, künftig „im Sinne der nationalsozialistischen Bewegung“ zu wirtschaften. Noch vor dem reichsweiten Gesetz über Mietverhältnisse von Juden nahm die Genossenschaft im Mai 1937 den sogenannten „Arierparagraphen“ in ihre Satzung auf – fortan durften nur noch Personen „deutschen oder artverwandten Blutes“ Mitglied werden. Im Mitgliedermagazin heißt es: „Diese Passagen sind aus heutiger Sicht nur sehr schwer zu ertragen! Aber sie sind Teil der Historie der Charlottenburger Baugenossenschaft. […] Es ist mehr als nur bedrückend, es ist beschämend – und es bewegt uns dazu, nicht wegzuschauen, sondern Verantwortung zu übernehmen.“

Dieser Satz steht für eine Haltung, die im Genossenschaftswesen noch zu selten ist: aktive Erinnerungsarbeit statt institutionellem Schweigen. Vor dem ehemaligen Wohnhaus wurden Stolpersteine verlegt – für Hildegard, Robin und Robins Bruder David Smedesmann. Der Vorstand der Charlotte formuliert es so: „Durch die Steine wird jeder wissen, es gab einmal diese drei Menschen, die einfach leben wollten, miteinander und mit ihrer Familie. Robin, Hildegard und David werden nie mehr vergessen sein.“

Genau das ist genossenschaftliche Verantwortung im besten Sinne: nicht nur für die Gegenwart der Mitglieder, sondern auch für die Würde derer, die einmal dazugehörten und vertrieben wurden.

Zum Weiterlesen:

Charlotte, Mitgliederjournal Nr. 84 (PDF auf der Website der Charlottenburger Baugenossenschaft)

Rachel Soost: Hilde und Robin – Die vergessene Geschichte einer jüdischen Familie, tolino media 2025

Claus Bernett: Baugenossenschaften während des Nationalsozialismus – Der Berliner Spar- und Bauverein im Zeichen der Gleichschaltung. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17 (2008), TU Berlin (https://www.static.tu.berlin/fileadmin/www/10002032/Jahrbuecher/Jahrbuch_2008.pdf)

Bisher wenig Unterstützung für die Musterbriefkampagne des BBU

Die Kampagne der Wirtschaftsverbände und des BBU gegen die Umsetzung des Vergesellschaftungs-Volksentscheids ist angelaufen. Allerdings ist das Echo in den Mitgliederzeitungen der Genossenschaften noch gering.  Nach Recherchen von Thomas Rücker („Genossenschaft von unten“) haben von 29 Genossenschaften mit mehr als 3.000 WE erst vier das Musterinterview mit der BBU-Vorständin Maren Kern abgedruckt (Basis: online-Recherche, Stand 20.8.).

(mehr …)

Neuer Minus-Rekord in der Genossenschaftsförderung

Das Senatsprogramm zum Erwerb von Genossenschaftsanteilen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein hat seit dem Start 2018 die Zielgruppe verfehlt. Es gab kaum Bewilligungen. So wurden 2025 nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen 0 – in Worten – Null Euro bewilligt. Das zeigt die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen Abgeordneten Katrin Schmidberger. (mehr …)

Zu Wasser und zu Lande: Lauter Widerspruch gegen die geplante BBU-Kampagne

„Genossenschaften werden für Lobby-Ziele der Konzerne instrumentalisiert““

In den Gesprächen am Rande der Protestkundgebung beim Parlamentarischen Abend des BBU am 8.7. wurde viel diskutiert, wie auf die Kampagne des BBU zu reagieren sei. Warum rückt der BBU jetzt plötzlich die Genossenschaften wieder nach vorn? Wie sollten Genossenschafter*innen  damit umgehen? Darüber sprachen wir mit Thomas Korn, Jurist bei DWE und Sarah Beyer (Mitglied der FriedrichsHeim eG, sowie bei DWE aktiv).

(mehr …)

Grundlagen der BBU-Kampagne wurden von Vonovia bezahlt

Die von Wirtschaftsverbänden und BBU geplante Kampagne gegen die Umsetzung der Vergesellschaftung fundieren auf einer von Vonovia in Auftrag gegebenen Milieustudie des Sinus-Instituts. Das berichtete der Tagesspiegel am 17. Julli. (Link). Sinus erfragte im Februar 2026 die Haltung der Berliner*innen zur Vergesellschaftung. 56% sprachen sich für Vergesellschaftung aus. 77 % stimmten der Aussage zu, Wohnraum dürfe kein Spekulationsobjekt sein. Vonovia ließ die Studie in der Schublade verschwinden. Erst die Berichterstattung im Tagesspiegel, dem ein Exemplar zugespielt worden war, machte den Vorgang öffentlich.

Unter der Lupe: Der BBU und sein Unternehmensnetzwerk

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. (BBU) ist der einflussreiche Verband der Wohnungswirtschaft, an dem in Berlin keine Politik vorbeikommt. Mit seinen Kampagnen gegen Mietendeckel und Vergesellschaftung versucht er, die öffentlichen Debatten um eine gemeinwohlorientierte Transformation des Wohnungsmarktes zu bestimmen. Aber der BBU ist mehr als Maren Kern, die als Vorstandsvorsitzende im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Unter dem Dach des Vereins arbeitet ein verschachteltes Konglomerat von Unternehmen, das mit einem Rundumsorglospaket die Wohnungsunternehmen an sich bindet. Wir haben es uns näher angeschaut. (mehr …)

Genossenschaften und Gemeinwirtschaft

Die Diskussion um den Volksentscheid bietet eine große Chance,  wieder über Gemeinwirtschaft zu reden, schrieb Genossenschafter und DWe-Aktivist Ralf Hoffrogge in einem Beitrag für den 2022 im Parthas-Verlag erschienenen Band „Wie Vergesellschaftung gelingt – Zum Stand der Debatte“. Der Beitrag hat an Aktualität nichts verloren: Text als pdf hier. Desweiteren hat die Kampagne DWE 2020 ein materialreiches Heft zum Thema Gemeinwohl und Vergesellschaftung herausgegeben: https://content.dwenteignen.de/uploads/Vergesellschaftung_and_Gemeinwirtschaft_Download_2_Auflage_2ed2704fa2.pdf
(Das Foto ist nicht KI-generiert, sondern ein CDU Wahlplakat von 1947. Zurück zu den Wurzeln, CDU!)

Unter der Lupe: Der BBU und sein Unternehmensnetzwerk

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. (BBU) ist der einflussreiche Verband der Wohnungswirtschaft, an dem in Berlin keine Politik vorbeikommt. Mit seinen Kampagnen gegen Mietendeckel, Vergesellschaftung und – aktuell – gegen Überlegungen zur „Neuen Wohngemeinnützigkeit“ versucht er, die öffentlichen Debatten um eine gemeinwohlorientierte Transformation des Wohnungsmarktes zu bestimmen. Aber der BBU ist mehr als Maren Kern, die als Vorstandsvorsitzende im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Unter dem Dach des Vereins BBU arbeitet ein verschachteltes Konglomerat von Unternehmen, das mit einem Rundumsorglospaket die Wohnungsunternehmen an sich bindet. Wir haben es uns ein wenig näher angeschaut. (mehr …)